„Inklusion sollte normal sein“, findet Cisem. Die Medizinstudentin ist Tutorin im Wohnheim Kaulbachstraße in Schwabing. Das historische Haus wurde vom Studierendenwerk 2024 nach einer Kernsanierung wieder eröffnet und ist nun Münchens erstes Inklusionswohnheim.

„Hier wird einem klar, dass man das Thema Barrierefreiheit breiter denken muss. Es geht eben nicht nur darum, dass sich Rollstuhlfahrer/-innen frei bewegen können“, sagt die Tutorin. Barrierefreiheit sei für Personen mit Seh-, Hör- psychischen oder anderen Einschränkungen genauso wichtig.

Vielfalt und gegenseitige Rücksichtnahme

Im Wohnheim gibt es daher nicht nur rollstuhlgerechte Zimmer, sondern auch ertastbare Markierungen oder Klingeln, die blinken, anstatt zu läuten. Inklusion ist hier vielfältig und genau das hat Cisem und ihren Tutoren-Kollegen Odilo dazu motiviert, sich zu engagieren. „Der Schwerpunkt unserer Tutoren-Tätigkeit liegt auf gegenseitiger Rücksichtnahme. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich alle entfalten und wohlfühlen können.“, erklärt Odilo.

Der Jura-Student hat auch schon bei Konflikten oder Unzufriedenheit vermittelt. Das Fazit des Tutors: eine gute Kommunikation ist das A und O, sowohl, was Aufforderungen betrifft, als auch, wenn es darum geht, Angebote zu machen. Anfangs habe es mit der Mülltrennung nicht so gut geklappt, mittlerweile herrscht aber mehr Sensibilität dafür. Ein toller Erfolg für Odilo und Cisem.

Das Tutoren-Team organisiert außerdem regelmäßig Treffen im Gemeinschaftsraum. Auch ein Sommerfest ist in Planung.

„Für mich ist das Tutorenamt keine Arbeit, denn es macht mir Spaß, neue Leute kennenzulernen,“ sagt Cisem. Inklusion heißt im Alltag tatsächlich etwas anderes, als die beiden es zunächst erwartet hatten. „Es geht mehr um Awareness“, sagt Odilo. Kleine Hilfeleistungen im Alltag hingegen werden kaum nachgefragt. Die Tutoren achten bei Angeboten also vor allem darauf, dass sich möglichst viele Bewohner/-innen damit wohlfühlen. Dabei steht nicht die Behinderung an sich, sondern vielmehr der soziale Zusammenhalt im Fokus. Das Konzept des Inklusionswohnheims ist in der Kaulbachstraße voll aufgegangen!

Wohnheim mit Geschichte

Das Haus an der Kaulbachstraße 49 ließ der Bankier und Mäzen James Loeb 1929 erbauen. Es beherbergte das damals erste Wohnheim für Studentinnen. Im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde das Gebäude nach Kriegsende im Rahmen eines Völkerverständigungsprojektes von deutschen und amerikanischen Studierenden wieder aufgebaut. Das Studierendenwerk München Oberbayern führte eine Kernsanierung durch, erweiterte das Gebäude um einen Anbau und entwickelte das Konzept des Inklusionswohnheims, das seit 2024 besteht.

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